Haushaltssituation
besorgniserregend
Hattingen
/ Herne.
Im Rahmen der turnusmäßigen Prüfungen von Kommunen in NRW durch
die Gemeindeprüfungsanstalt (gpaNRW) wurden jüngst auch im Rat der
Stadt Hattingen die von der gpaNRW analysierte Haushaltssituation und
die Prüfungsergebnisse vor-gestellt. Die Empfehlungen in den
weiteren untersuchten Prüfgebieten und Handlungsfeldern haben Prüfer
Christian Schormann, Projektleiterin Friederike Becker-Walscus und
Simone Kaspar, Stellvertreterin des Präsidenten der gpaNRW, der
Lokalpolitik präsentiert.
Die
Stadt Hattingen konnte durch Übertragung der Kanalnutzungsrechte
2020 einen großen Beitrag zur Entschuldung leisten sowie ihre
Liquiditätslage verbessern. Die finanzielle Situation ist aber
weiterhin deutlich angespannt. „Die Haushaltssituation ist
besorgniserregend und zeigt weiterhin einen sehr hohen
Handlungsbedarf, denn die Stadt Hattingen ist bilanziell
überschuldet. Sie kann diesen Fehlbetrag nicht durch Eigenkapital
decken und befindet sich in der Haushaltssicherung mit dem Zieljahr
für den Haushaltsausgleich in 2034.“, so Simone Kaspar.
Deutliche
Defizite sowie Erhöhung der Verbindlichkeiten erwartet
In
der Prognose bis 2028 erwartet die Stadt jährlich deutliche Defizite
und plant zudem eine Erhöhung der Liquiditäts- und
Investitionskredite. „Die schwierige Haushaltssituation der Stadt
Hattingen ist bei allen von der gpaNRW getroffenen Feststellungen und
Empfehlungen besonders zu berücksichtigen. Deren Umsetzung ist vor
dem prioritären Ziel der langfristigen Haushaltsentlastung unter
Abbau der bilanziellen Überschuldung zu bewerten“, unterstreicht
Projekt-leiterin Friederike Becker-Walschus.
Grundsätzlich
ist die Stadt Hattingen in der Haushaltssteuerung gut aufgestellt. Es
fehlt aber an vielen Stellen noch an einer Verschriftlichung von
Leitplanken, die für eine Handlungssicherheit aus Sicht der gpaNRW
sinnvoll sind. „In diesem Zusammenhang empfehlen wir der Stadt
insbesondere, verbindliche Wertgrenzen und Mindeststandards für
Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen festzulegen und die strategischen
Leitplanken und Verfahrensweisen sowie Zuständigkeiten im
Kreditmanagement zu dokumentieren“, so Friederike Becker-Walschus.
Zahlungsabwicklung
wirtschaftlich, Vollstreckung mit Optimierungspotenzial
Die
Aufgaben der Zahlungsabwicklung nimmt die Stadt Hattingen
wirtschaftlich wahr. Gemessen am Fallaufkommen setzt sie weniger
Personal ein als die meisten Vergleichsstädte.
Handlungsmöglichkeiten sieht die gpaNRW insbesondere in einer
Erhöhung der SEPA-Lastschriftmandate sowie einer unterjährigen
Steuerung der ungeklärten Einzahlungen. In der Vollstreckung besteht
Handlungsbedarf in der Definition und Auswertung relevanter Daten, um
gerade vor dem Hintergrund der Haushaltssituation die
Vollstreckungsarbeit effektiv steuern zu können. Die gpaNRW begrüßt
so die geplante Einführung einer neuen Finanzsoftware.Mehr
freiwillige Ausschüsse und häufigere Sitzungen im Vergleich
Die
Prüfungsergebnisse der Gremienarbeit beziehen sich auf den Zeitpunkt
vor der Kommunalwahl 2025 und wurden der Stadt bereits für die
konstituierende Sitzung des Rates zur Verfügung gestellt. „Die
Gremienstruktur zeigt, dass die Stadt Hattingen mehr freiwillige
Ausschüsse vorhält als der Durchschnitt der mittleren
kreisangehörigen Städte in NRW. Auch die Häufigkeit der Sitzungen
lag zum Prüfungszeitpunkt erkennbar über dem interkommunalen
Durchschnitt“, so Prüfer Christian Schormann.
Einwohnerbezogen
positioniert sich die Stadt Hattingen bei den Aufwandsentschädigungen
für die Gremienmitglieder unter dem Median der Vergleichsstädte und
gewährt die Fraktionszuwendungen gemäß der rechtlichen
Mindestregelungen. Regelungen zu digitalen und hybriden
Gremiensitzungen, die die Handlungsfähigkeit von Lokalpolitik und
Verwaltung in Krisensituationen erhöhen, hat die Stadt in ihre
Hauptsatzung und Geschäftsordnung aufgenommen.
Aufbau
von Wissenstransfer und Prozessmanagement wegen Personalfluktuation
fortsetzen
Die
Stadt Hattingen hat die relevanten Informationen für eine
langfristige Sicherung ihrer Handlungsfähigkeit im Bereich Personal,
Organisation und Informationstechnik grundsätzlich im Blick. „Die
Personalarbeit ist modern und vorhandene Strukturen und Prozesse sind
etabliert. Ebenso verfügt die Stadt über transparente und effektive
Verfahren im IT-Service-Management“, lobt Christian Schormann.
Handlungsmöglichkeiten sieht die gpaNRW insbesondere in der
Festlegung konzeptioneller Rahmenbedingungen sowie im Aufbau eines
strukturierten Wissensmanagements. Hieran koppeln kann die Stadt
ihren geplanten Aufbau eines Prozessma-nagements, wobei klare Ziele
sowie Kennzahlen zur Bewertung von Prozessoptimierungen festzulegen
sind.
Stärkung
der interkommunalen Zusammenarbeit vorantreiben
Die
bereits flächendeckende Einführung der elektronischen Aktenführung
zeigt die Digitalisierungserfolge der Stadt Hattingen. Diese gilt es
weiter auszubauen, beispielsweise durch einen elektronischen
Rechnungsworkflow. Da die Stadt Hattingen die meisten ihrer Aufgaben
in Eigenregie wahrnimmt, ist die Personalquote vergleichsweise hoch.
Eine Stärkung der interkommunalen Zusammenarbeit und der Ausbau der
Verwaltungsdigitalisierung bieten noch Optimierungspotenzial.
Die
örtlichen Strukturen der Stadt Hattingen, mit u. a. dem Risiko von
Waldbränden oder Ruhr-Überschwemmungen, erfordern ein effektives
und effizientes kommunales Krisenmanagement. „Die Stadt Hattingen
ist hier bereits gut aufgestellt und hat einen Stab für
außergewöhnliche Ereignisse (SAE) eingerichtet. Sie erreicht in
diesem Prüfgebiet einen Erfüllungsgrad von 79 Prozent und liegt
über dem Durchschnitt der Vergleichskommunen (Median: 65 Prozent)“,
so Christian Schormann. Handlungsmöglichkeiten sieht die gpaNRW
insbesondere noch in den Teilerfüllungsgraden „Prävention und
Vorbereitung“ sowie „Schulung und Übung“ – beispielsweise
durch formale Regelungen zur Einbindung von Spontanhelfenden oder das
Angebot von Übungen für den SAE.
Schriftliche
Verfahrensstandards für die wirtschaftliche Jugendhilfe erarbeiten
Die
Stadt Hattingen gehört zu den 25 Prozent der Vergleichsstädte mit
den niedrigsten einwoh-nerbezogenen Aufwendungen in der Hilfe zur
Erziehung. Ursächlich hierfür sind insbesondere die gute
(Fall-)Steuerung sowie ein ausgeprägtes präventives Angebot.
Allgemeine Kostensteigerungen und Tariferhöhungen bei den freien
Trägern wirken sich aber auch in Hattingen haushaltsbelastend aus.
Somit gewinnt die Refinanzierung durch Kostenerstattungen umso mehr
an Bedeutung. „Die Stadt Hattingen ist auch hier gut aufgestellt
und macht die Kostenerstattungen vollumfänglich geltend.
Bearbeitungsrückstände bestehen nicht“, lobt Projektleiterin
Friederike Becker-Walschus. Handlungsmöglichkeiten sieht die gpaNRW
noch bei den Controllingtätigkeiten im Jugendamt durch die
Einbindung der wirtschaftlichen Jugendhilfe. Zudem sollte die Stadt
auch für die wirtschaftliche Jugendhilfe schriftliche
Verfahrensstandards erarbeiten.
„Jahre
der Haushaltssicherung und -sanierung haben Spuren hinterlassen.
Erzielte Erfolge werden nun erneut einem Stresstest unterzogen und
erfordern weiterhin konsequente Haushaltskonsolidierung. Die
Ergebnisse unserer Prüfung und unsere Empfehlungen können und
sollten Sie für Optimierungen nutzen. Darüber hinaus stehen wir
Ihnen gerne bei individuellem Bedarf mit unserem vielfältigen
Beratungsangebot zur Seite“, so Vizepräsidentin Simone Kaspar.
Bürgermeisterin
Melanie Witte-Lonsing erklärt abschließend zu den Ergebnissen der
gpaNRW: „Die Erkenntnisse aus dem Prüfungsbericht bestätigen im
Wesentlichen unseren eingeschlagenen Weg in Hattingen. Er leistet
einen Beitrag zur weiteren Optimierung der Verwaltungsabläufe.“
Infos
zur gpaNRW und deren turnusgemäßen Prüfung
Die
gpaNRW hat die Stadt Hattingen im Rahmen der turnusgemäßen Prüfung
aller mittleren kreisangehörigen Kommunen mit einer Einwohnerzahl
von bis zu 60.000 in folgenden Prüfgebieten untersucht:
Finanzen
Zahlungsabwicklung
und Vollstreckung
Gremienarbeit
Personal,
Organisation und IT
Kommunales
Krisenmanagement
Hilfe
zur Erziehung
Alle
Feststellungen und Empfehlungen der gpaNRW zu den thematischen
Handlungsfeldern sind im Prüfungsbericht für die Stadt Hattingen
zusammengefasst.
Die
gpaNRW ist Teil der staatlichen Aufsicht des Landes über die
Kommunen und wurde im Jahr 2003 gegründet. Sie hat ihren Sitz in
Herne. Ihr ist durch Gesetz und Gemeindeordnung die überörtliche
Prüfung aller 396 Kommunen, der 30 Kreise sowie der Städteregion
Aachen, der beiden
Landschaftsverbände und des Regionalverbandes Ruhr (RVR) übertragen.
Präsident der gpaNRW ist seit 15. September 2023 Bürgermeister a.
D. Michael Esken.
Die
ausführlichen Prüfungsberichte mit allen Prüfgebieten,
Handlungsfeldern und Empfehlungen veröffentlicht die gpaNRW unter
www.gpa.nrw.de.
Foto Stadt Hattingen:
hinten v.l.n.r. Christian Schormann (GPA, Prüfer),
Friederike Becker-Walschus (GPA, Leitung der Prüfung), Frank Mielke, Kämmerer /
Fachbereichsleitung FB 11 mit Dezernentenfunktion
vorne v.l.n.r. Simone Kaspar, GPA, Stellvertreterin des
Präsidenten und Bürgermeisterin Melanie Witte-Lonsing